"Chill Out" von Andreas Struck

Mit dem Zeitgeist ist das so eine Sache. Geht man auf die Straße, begegnet er einem allerorten. Aber auf Zelluloid möchte er sich nicht so recht festhalten lassen. So sind Filme, die das Klubkulturleben adäquat wiedergeben, immer noch Mangelware. Da gibt es kritische Beschreibungen des Szenelebens wie Yolande Zaubermans "Clubbed To Death" von 1996 oder den ein Jahr später von Oskar Röhler gedrehten "Silvester Countdown". Deren Protagonisten kommen durch die Bank mit ihrer Sucht nach Leben, Liebe, Schönheit und Spaß nicht zurecht. Für Außenstehende bleibt es damit ein Rätsel, wie man sich freiwillig in die Welt des Nachtlebens stürzen kann.

Film-Szene aus Chill Out Bei Andreas Strucks "Chill Out" ist das anders. In der Dreiecksgeschichte zwischen Anna, der Erbenermittlerin, Johann, dem Gelegenheitsdieb, und Max, dem Wachmann, läßt sich nachvollziehen, daß es Spaß machen kann, auf feste Bindungen zu verzichten und jenseits traditioneller Moralvorstellungen in den Tag hinein zu leben. Für die vom normalen Zeitempfinden grundverschiedene Erlebniswelt der Übernächtigten und Nicht-schlafen-Wollenden fand Struck mit den in den frühen Morgenstunden spielenden "Chill Out"-Szenen die richtigen Bilder.

Leider hatte Struck für Dramaturgie und Story kein so gutes Händchen wie für die atmosphärischen Feinheiten des frühen Morgens. Besonders in der ersten Hälfte wirkt die Aneinanderreihung der dramatischen Zwischenhöhepunkte recht hölzern, und kurz vor dem Schluß wird der Zuschauer Zeuge eines nicht besonders spannend inszenierten Betrugsversuchs. Auch das eher konventionelle Ende enttäuscht angesichts der zunächst ungewöhnlichen Beziehungskonstellationen. Potenzielle Zuschauer dürfen deshalb keine spannende Abendunterhaltung erwarten. Da der fürs Fernsehen produzierte Film auch alles andere als Kinooptik bietet, liegt das Vergnügen eher im Wiedererkennungseffekt bestimmter Lebenssituationen, die man im herkömmlichen Kino vergeblich sucht.

Reinhold Strohmayer

Gaaanz laaaaangsam