"Eine Wohnung mitten in der Stadt"

Buch-Cover: Eine Wohnung mitten in der Stadt Da lebt man nun seit Jahren gemeinsam mit seinem Mann in einer schicken Wohnung, wird fast jeden Abend von Freunden besucht und kümmert sich nebenher um die kleine Tochter der besten Freundin - ein perfektes schwules Idyll.

Plötzlich klingelt das Telefon – die Mutter kündigt ihren Besuch an und von einer Minute auf die nächste ist nichts mehr wie zuvor. Das traute Heim muß komplett umdekoriert werden, Pierre & Gilles wandern in die Abstellkammer, die "Eheringe" werden im Schmuckkästchen versteckt und sämtliche Freunde erhalten Hausverbot.

Erlebnisse dieser Art gehören zum schwulen Alltag, fast jeder hat dergleichen schon erlebt. Mit "Eine Wohnung mitten in der Stadt", seiner dritten Veröffentlichung, tritt Stephan Niederwieser nun den Beweis an, daß eine derart kleine Alltagskatastrophe durchaus als Sujet für einen Roman dienen kann. Was sich nach dem Telefonanruf auf 390 Seiten abspielt, ist jedenfalls der beste Grund, sich für einige Stunden mit dem Buch aufs Sofa zu setzen und mit den beiden Protagonisten den ganz alltäglichen Wahnsinn zu erleben. Nach und nach tauchen sämtliche Szeneklischees auf: die hysterische Zicke, das nymphomanische Luder, die Parfümerie-Schwester und noch einige mehr. Und Mutters Besuch endet schließlich in einer handfesten Ehekrise. Dies liegt nun aber hauptsächlich daran, daß zwischenzeitlich der schwule Neffe aus Simbabwe vor der Tür steht und sich kurzerhand für einige Wochen einquartiert. Daß einer der engsten Freunde an AIDS erkrankt, daß sich die siebzigjährige Mutti in einen alternden Schwulen verliebt und daß die Ziehtochter plötzlich rund um die Uhr betreut werden will.

Stephan Niederwieser komprimiert in seinem Buch eine komplette schwule Soap opera auf Romanlänge, läßt den Leser mit den Figuren alle erdenklichen Gefühle erleben und baut dabei einen Spannungsbogen auf, der es sehr schwer macht, die "Wohnung mitten in der Stadt" vor der letzten Seite aus der Hand zu legen.

MaN

Stephan Niederwieser
Eine Wohnung mitten in der Stadt
Roman, ca. 352 Seiten
Querverlag Berlin
ISBN 3-89656-059-X
39,80 DM

Alltägliche Katastrophen