Überfall auf Transidente in Leipzig-Volkmarsdorf

Mutmaßlich rechtsradikale Skinheads haben versucht, die transidente S. (Identität und Adresse sind den Mitarbeitern des Schwules Überfalltelefon Leipzig bekannt) in ihrer Wohnung zu überfallen, mit dem Ziel, sie als "unerwünschte Person" aus dem Wohnviertel Leipzig-Volkmarsdorf zu vertreiben. Nur durch besonnenes Verhalten und das beherzte Eingreifen der Nachbarn konnte Schlimmeres verhindert werden. Dieser Vorfall, der sich bereits am 5. November des vergangenen Jahres ereignete, wurde erst jetzt durch die Betroffene dem Schwulen Überfalltelefon (SÜT) 19228 des RosaLinde Leipzig e.V. gemeldet.

Tathergang:

Die transidente S., die vor einigen Monaten ihre geschlechtsangleichende Operation erfolgreich abgeschlossen hat, sich aber noch mitten in der hormonellen Therapie befindet, ist eine auffällige Erscheinung im Arbeiterviertel Volkmarsdorf im Leipziger Osten. S. bekam tagtäglich Ablehnung und Intoleranz zu spüren und versuchte trotzdem, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, tat dies aber mit gewissen Vorsichtsmaßnahmen. Am 5. November hielt sich S. allein in ihrer Wohnung auf, als es unerwartet klingelte. Da sich Besuch normalerweise telefonisch anmeldet, und sich S. nicht besonders wohl fühlte, öffnete sie nicht. Etwa 20 Minuten später gab es eine heftige Klingelattacke und S. hörte laute Geräusche und Stimmengewirr im Hausflur. S., jetzt verängstigt, öffnete nicht. Nach weiteren 20 Minuten kehrte endlich Ruhe ein.

Zwei Tage später schilderten Nachbarn ihr den Vorfall wie folgt: Drei offensichtlich rechtsradikale Skinheads waren in den Hausflur eingedrungen und versuchten, die Wohnung von S. ausfindig zu machen, an der kein Name stand. Zu diesem Zweck klingelten die sich rüde und bedrohlich verhaltenden Männer bei mehreren Nachbarn und fragten nach der genauen Wohnung von S. Nach eigenen Angaben hatten sie es sich zur Aufgabe gemacht, "ihr" Wohnviertel von "solchen unerwünschten Personen" zu "säubern" und mit S. den Anfang zu machen. Sie seien gekommen, um S. diesen Beschluß jetzt "mitzuteilen". Die drei Männer führten diese Argumente im Stile einer selbsternannten Schutztruppe sehr formal ins Feld.

Glücklicherweise erkannten die Nachbarn, die wegen einer Feier elf Personen im Hause hatten, die Lage sofort und setzten die drei Männer nach hartnäckiger Diskussion entschlossen vor die Tür. S. erlitt einen Schock und verließ verängstigt und eingeschüchtert mit Hilfe von Freunden Volkmarsdorf noch am gleichen Abend und lebt mittlerweile in einem anderen Stadtteil Leipzigs.

Aus Angst vor Rache und weiteren Einschüchterungsversuchen hat S. keine Anzeige erstattet. Seit dem Vorfall lebt S. in ständiger Angst, den Personen, die sie nicht kennt, die aber sehr wohl sie kennen, zu begegnen. Es kostet sie jedes Mal Überwindung, auf die Straße und in die Innenstadt zu gehen oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Um wenigstens ein Stück weit ihr früheres Selbstbewußtsein und damit auch Lebensqualität wiederzuerlangen, hat sich S. nun in psychologische Behandlung begeben, um den Vorfall und seine Folgen zu verarbeiten.

Erst jetzt hat S. den Mut gefunden, sich dem Schwulen Überfalltelefon anzuvertrauen und möchte, daß der Vorfall aktenkundig und auch unter Wahrung der Anonymität veröffentlicht wird. S. erklärte gegenüber den Mitarbeitern des SÜT Leipzig im übrigen, Kenntnis von ähnlich gearteten Vorfällen mit anderen Transidenten in Leipzig erlangt zu haben.

Stellungnahme:

Der Vorfall, auch wenn er ohne physische Gewalt vor sich gegangen ist, stellt einen schweren Eingriff mit erheblichen psychischen Folgen für die Betroffene dar.

Die Tat, die nur durch glückliche Umstände nicht zur Ausführung kam, ist keine spontane Affekthandlung, sondern als wohl überlegte und vorbereitete Tat ohne Einfluß von Alkohol o.ä. einzustufen.

Die Ereignisse zeigen auch, mit welcher Selbstverständlichkeit und Sicherheit sich Rechtsradikale in der Bevölkerung bewegen, daß sie sogar bei mehreren Nachbarn klingeln, um sie ohne Umschweife um Mithilfe zu bitten. Sie zeigen aber auch, daß durch beherztes Eingreifen und ein bißchen Zivilcourage der rechten Gewalt erfolgreich begegnet werden kann.

Das Schwule Überfalltelefon (SÜT) Leipzig:

Das SÜT Leipzig ist 1991 im Rahmen des Anti-Gewalt-Projektes des Schwulenverbandes Deutschlands (SVD), Landesverband Sachsen gegründet worden und ist unter der bundeseinheitlichen Rufnummer 19228 im Ortsnetz Leipzig jeden Dienstag von 19-22 Uhr erreichbar.

Seit der Auflösung des SVD Sachsen 1999 ist das SÜT ein Projekt des RosaLinde Leipzig e.V. in Zusammenarbeit mit dem SVD (seit 2000 LSVD) Nordrhein-Westfalen. Das SÜT Leipzig ist das einzige Projekt dieser Art in Sachsen und arbeitet eng mit dem Ansprechpartner bei der Polizei, Hauptkommissar Schmidt, zusammen.

Das ehrenamtlich geführte Projekt ist ein Beratungs- und Hilfsangebot für Opfer und Zeugen antischwuler Gewalt. Das SÜT behandelt alle Fälle grundsätzlich vertraulich und anonym und bemüht sich auch, Berührungsängste mit der Polizei abbauen zu helfen.

Im letzten Jahr haben sich insgesamt drei Opfer beim SÜT gemeldet, eine im Bundesvergleich eher niedrige Zahl. Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen, schätzt der LSVD die Dunkelziffer auf ca. 90%. Das sind in der Regel Personen, die von der Existenz des SÜT keine Kenntnis haben und vor allem Personen, die sich zum Beispiel aufgrund ihrer familiären oder beruflichen Situation nicht überwinden können, beim SÜT anzurufen, geschweige denn, Anzeige zu erstatten. In Leipzig ist die Zahl der Anrufer außerdem niedriger, weil die Stadt Leipzig seit des Wechsels des Projektes zum RosaLinde Leipzig e.V. keine Fördergelder für Druckkosten, Plakate, Flyer, Aufkleber, Anzeigenschaltung und Öffentlichkeitsarbeit bewilligt hat.

Das SÜT hat im letzten Jahr wiederholt von teilweise auch schwereren Vorfällen antischwuler Gewalt in Leipzig Kenntnis erlangt. Diese Fälle, die nicht offiziell an das SÜT herangetragen werden und oft den Status von Gerüchten haben, können deshalb nicht in die offizielle Statistik einfließen. Aus diesen Gründen möchte das SÜT erreichen, daß durch entsprechende Veröffentlichungen, Opfer beziehungsweise Zeugen antischwuler oder ähnlich gearteter Gewalt motiviert werden, den Mitarbeitern des SÜT oder der Polizei Kenntnis von solchen und ähnlichen Vorfällen zu geben und dadurch aktive Hilfe und Beratung zu ermöglichen.

In den meisten Fällen sind die Täter rechtsradikal motiviert. Homosexuelle gehören neben Ausländern, jüdischen Einrichtungen und Mitbürgern, Obdachlosen, Behinderten, Linken, anders Aussehenden und anders Denkenden zur erklärten Zielgruppe rechter Gewalt.

Gewalt gegen Minderheiten