"Aber früher war er doch so ein lieber Junge"

Wie sieht die perfekte Reaktion von Eltern aus, die erfahren, daß ihr Kind in der Pubertät irgendwie anders abgebogen ist, als sie es sich vorgestellt haben? Verständnisvoll und verantwortungsbewußt natürlich, sie unterstützen es, stehen zu ihm und sind immer für ihr Kind da...

So würden wir es uns zumindest wünschen. Die Realität sieht natürlich etwas anders aus: Viele Eltern würden ihr Kind im ersten Moment am liebsten packen, um es entweder exorzieren zu lassen (der Dämon muß ja schließlich raus) oder es zum Arzt zu schleppen, der ihnen dann ein Nervenmittel und dem Kind eine Therapie verschreibt. Was sollen denn schließlich die Nachbarn denken.

Szene aus Aber was, wenn die ganze Fürsorge keine Früchte trägt und das undankbare Gör immer noch auf "Irrpfaden" umherwandelt? Spätestens dann heißt es auch für die Eltern, sich wirklich mit dem Problem auseinanderzusetzen, wenn sie nicht wollen, daß sich ihr Kind von ihnen distanziert. Es entstehen Fragen, die schnell zu Vorwürfen werden. Und daß nicht unbedingt aus bösem Willen, sondern eher aus Unverständnis und Informationsmangel heraus.

Wohl keiner würde sein Outing als besonders angenehm beschreiben, und genau deshalb gibt es für uns Unmengen von Informationsquellen und neben dem Dr. Sommer-Team sogar vieles, daß sich als hilfreich erweist: Infobroschüren vom Gesundheitsamt, die uns die Fakten vermitteln, Jugendgruppen, bei denen man mit Leuten reden kann, die genauso sind, Magazine wie dieses, die zeigen, daß man nicht allein ist, wir gemeinsam stark sind und eine Lobby haben.

Für unsere Eltern sieht es da schon bedeutend schwieriger aus! Sicher, sie können zwar die meisten Informationsquellen auch nutzen. Doch nur selten konfrontieren sie sich wirklich mit dem Problem oder suchen Hilfe. Das Resultat ihres Stolzes sind nicht selten Selbstvorwürfe. Oft beschuldigen sie sich selbst für etwas, daß keines Schuldigen bedarf. Letztendlich ist es ja doch Veranlagung, so daß es zwar zu schaffen wäre, sich ein anderes Gefühl einzureden, doch man wird es nie schaffen, sich zu "entschwulen", was sich die Eltern wohl wünschen würden.

Szene aus Aber woher sollten sie das auch wissen? Ganz bestimmt nicht von ihren Eltern, zu deren Zeiten noch Menschen für eine andere Meinung umgebracht wurden. Eine genauso miserable Hilfe ist wohl das Fernsehen, welches meist nur diese perfekten weichgespülten Homopärchen ohne Probleme produziert, solange sie die Einschaltquoten puschen, um sie danach wieder zu entschwulen. Während sich Schwule und Lesben oft in noch jungen Jahren outen und trotzdem in Gewissenskonflikte geraten, ist es doch verständlich, daß unsere Eltern sich mit ihrer gesamten Lebenserfahrung schwerer tun, wenn es darum geht zu verstehen.

Meist fordern wir das Verständnis unserer Eltern für uns ein, sollten wir aber nicht auch versuchen, ihnen gegenüber verständnisvoller zu sein, und einsehen, wie schwer es für sie oft ist, zu ihrem Kind zu stehen. Wir würden mehr Akzeptanz erringen, wenn wir ihnen helfen würden, zu verstehen, anstatt genau wie sie auf unserem Standpunkt zu verharren.

KPT

Weiter-Link Gedanken einer Mutter

Szenenfotos aus dem Film interner Link "Ma Vie En Rose"

Das Coming Out der Eltern