Mark Ravenhill im TiF

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten -besonders der unbegrenzten technischen Möglichkeiten - spielt dieses Stück von Mark Ravenhill. Temporeich inszeniert im Dresdner "Theater in der Fabrik", einer hervorragend geeigneten Bühne, sorgten die Aufführungen für Beklemmungen beim Publikum und für Gesprächsstoff in der Szene.

Szenenfoto aus Was geschieht so Bewegendes in "Faust ist tot"? Kritisch festgestellt: Nicht viel, aber das mit ganzer Kraft. Alain und Pete sind auf der Flucht. Alain vor seiner Vergangenheit, während Pete die Computerfirma seines Vaters Bill beklaut hat. Während ihrer Fahrt entlang der amerikanischen Westküste steigern sich Pete und Alain in eine ausweglose Situation, immer wieder vorangetrieben von ihrem ambivalenten Verhältnis zueinander. Der Höhepunkt dieser Haßliebe ist der Sex, den Alain und der eigentlich heterosexuelle Pete miteinander haben. Sehr eigenwillig interpretiert, zerstört der Analverkehr auf offener Bühne grob diesen Handlungsstrang, die Suche nach "echten" Erfahrungen. Mit Erstaunen liest man auf dem Programmzettel: schwuler Sex als die ultimative Erfahrung. Diese Assoziation kam für "Eingeweihte" während dieser Passage des Stückes definitiv nicht. Viel mehr die Frage, muß das jetzt sein? Ist das nicht pure Effekthascherei, um das Publikum zu schocken? Oder zu locken? Der Gedanke liegt nahe und nur die schauspielerische Leistung versöhnt wieder mit allen Akteuren des Stückes.

Dafür packt die zweite, wichtigere Handlungsfolge das Publikum. Besonders diejenigen, die mit virtuellen Welten und den falschen Realitäten des Cyber-Space in Berührung gekommen sind oder vielleicht schon selbst einmal in den Weiten des Internets ihre Seele verkauften. Heilsame Lehre, sich die Menschenleere des Web bewußt zu machen und zu den Lebenden zurückzukehren. Denn das Messer aus Stahl, das man sich an die eigene Halsschlagader setzt, schneidet in der Realität, das Blut ist echt und es verblutet ein Mensch.

Szenenfoto aus Was geschieht so Bewegendes in "Faust ist tot"? Kritisch festgestellt: Nicht viel, aber das mit Für Donny kommt diese Erkenntnis zu spät. Dieser Junge, auf den Alain seine abstruse Theorie, daß der Mensch grausam zu sich selbst sein muß, projiziert hat, wird zum Opfer seines nicht mehr eigenen Ichs. Armer Donny, dir hilft der Satz nicht mehr: Schalte den Computer aus und lebe, jetzt und in der Wirklichkeit.

Die Lebenshilfe im Internet: zu sehen im "Theater in der Fabrik", die nächsten Vorstellungen finden am 15. und 16. Januar 2000 statt.

Ralf

Faust ist tot