Unterwegs zu neuen Ufern

Flirrende Hitze liegt über der Stadt. Die Sonne brennt vom Himmel und leere Straßen gleißen im Licht. Es ist die letzte Chance, man muß dieser Wüste aus Beton und Asphalt entfliehen. Bleibt der Weg in die städtische Freiluft-Badeanstalt. Doch dieser Ausweg wird sich gnadenlos als Irrweg erweisen: Viel zu viele Menschen belegen viel zu wenig Platz. Auf der Liegewiese und, noch schlimmer, im frisch gechlorten Bassin. Und welches Publikum einem dort begegnet! Matronen hüten mehr schlecht als recht ihre unerzogenen Enkel.

Bierbäuchige Bademeister im besten Vorruhestandsalter beteiligen sich mit Trillerpfeifen bewaffnet im vergeblichen Bemühen um die lärmende Rasselbande. Auch wenn dafür langsam Verständnis aufkommt, wenn zum zweiten Mal ein nasser Ball klatschend auf deinem Handtuch landet.

Zu diesen öffentlichen Plätzen familiärer Entspannung zur Sommerszeit muß es doch Alternativen geben. Gibt es und Du weißt es: Irgend jemand hat auch Dir irgendwann denn Weg nach Irgendwo beschrieben. Jetzt ist der Tag gekommen, an dem das Irgendwo zum Erlebnis werden soll. Auf an den schwulen Baggersee oder wenigstens an dessen schwulen Winkel.

Pech für die Nichtbesitzer eines Autos, daß der Platz zum Tagträumen immer etwas abseits liegt. Und damit Fahrzeit genug, sich vom behördlich organisierten Planschen entnervt die blanken Horrorszenarien auszumalen. Werden gleich alle über das eben angekommene Frischfleisch herfallen? Du wolltest doch bloß sonnen und die Kühle des Wassers spüren. Nicht unerwartet eine Hand an Deinem Arsch und plötzlich alles doppelt sehen: Doppeltes Alter, doppeltes Gewicht und mindestens doppelt so unattraktiv wie Deine kritischste Selbsteinschätzung.

Schon leicht zermürbt auf der Jagdwiese angekommen, ein Platz im Schatten ist zum Glück noch frei, solltest Du erst mal in Ruhe die Lage peilen. Nach ein paar Minuten kommt die Erkenntnis: Es ist doch nicht so schlimm. Du hast mit Deiner Anwesenheit keinen Massenauflauf provoziert. Auf den Badelaken ringsum wird weiter gelesen und in der Sonne relaxt. Du erkennst das eine oder andere szenebekannte Gesicht. Was soll's. Besser sogar, da gibt es auch ein oder zwei Typen, die durchaus in Dein Fahndungsraster passen. Und plötzlich bist Du es, der aufmerksam in die Runde blickt und das beste Killer-Lächeln für den Einen parat hält. Was dann kommt, schweigen wir darüber. Nur soviel, Deine Selbstsicherheit ist danach wieder wie sonst auf hohem Niveau und entspannt beobachtest Du das Bemühen um Dich herum; und die Wanderbewegungen in Richtung sichtschützender Baumgruppen und Büsche. Schließlich findest du Dich in einer Gruppe angeregt plaudernder Freunde wieder. Das Gespräch dreht sich um Ereignisse, die dieser (oder ein anderer, wer will das so genau wissen) Platz schon gesehen hat. Von abendlichen Treffen einiger Ledertypen ist die Rede genauso wie von dem sportlichen, schwarzhaarigen und braungebrannten Boy, der hier mit nichts weiter an als seinen Sneakers auftauchte, weiterging und dann doch blieb...

Du gehst jetzt erst mal baden, nachdem einer aus der Runde aufstand und sich mit einem vielsagenden Blick zu Dir in Richtung Wasser verabschiedete. Bis bald und der Sommer wird noch einige heiße Tage bringen.

Ralf

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Baggern am See