Macht's zu Hause, Jungs

Kommentar aus der

Demo oder Party

Wohin geht der CSD?

Seit Jahren ist der CSD in vielen deutschen Großstädten eine Institution. Der CSD, einst als politische Demonstration zur Durchsetzung von Rechten und zum Abbau von Diskriminierungen gedacht, geriet in den letzten Jahren immer mehr zum Fun-Event. Statt politischer Ziele rückten Selbstdarstellung, Spaß und Party immer mehr in den Vordergrund.

Ist der CSD also nichts anders als die Homo-Love-Parade (welche übrigens auch von den Veranstaltern als politische Demonstration offiziell angemeldet wird)? Sind Schwule und Lesben in unserer Gesellschaft überhaupt noch ausreichend diskriminiert, um ihre Rechte in Demonstrationen einfordern zu müssen. Ist die Toleranz in der Gesellschaft nicht mittlerweile groß genug? Ist der CSD nur noch eine kommerzielle Veranstaltung, die allenfalls der Tourismuswirtschaft und der Gastronomie nützen?

Gegenpol nahm einen Kommentar aus der "Welt" vom 26. Juni 2000 zum Anlaß, sich mit den "Thesen" des Herrn Teske auseinanderzusetzen, die auch innerhalb unserer Redaktion heftig diskutiert wurden. Hier unser Pro und Contra:

Pro

Der CSD fördert Klischees

Seit Jahren kämpfe ich im Privaten gegen die homosexuellen Klischees. Und dann zack - ein CSD und die Aufklärungsarbeit eines ganzen Jahres ist wieder dahin: "Schau Dir nur die Leute an - alle halb nackt, oder in Frauenkleidern...". In diesem Sinne habe ich volles Verständnis für den in der Welt abgedruckten Kommentar. Vor allem, wenn man die Hintergründe des CSD beachtet - der CSD war eine Demonstration für die Anerkennung unserer Lebensweise. Aber was ist er geworden? Beim CSD werden die grauen Mäuse bunt, legen Blaumann oder Anzug ab, schmeißen sich in irgendeinen Fummel und lassen die Sau raus - mehr ist es leider doch nicht mehr. Das einzige Klischee, welches damit abgebaut wird, ist, daß schwule Männer einen guten Mode-Geschmack haben.

Außenstehenden Heterosexuellen, die eh nichts mit "dem anderen Ufer" zu tun haben wollen, kann man so keinesfalls klar machen, daß wir im Prinzip genauso wie sie sind und uns nur in den sexuellen Vorlieben von ihnen unterscheiden.

"Wie kann der nur, der spinnt, schaut euch mal die Love Parade an..." war die Reaktion aus meinem Bekanntenkreis auf diesen Artikel. Aber der Vergleich mit der Love Parade hinkt meiner Meinung nach. Zwar nennt sich auch diese Veranstaltung Demonstration, allerdings stellt man wohl doch unterschiedliche Ansprüche an eine Demonstration unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" als an eine, die tatsächliche politische Inhalte tragen sollte - darüber müßte man vielleicht einmal nachdenken.

Ich könnte für die im Kommentar des Herrn Teske erwähnten CSD Besucher noch ein gewisses Verständnis aufbringen, wenn sie immer so herumlaufen würden - aber dem ist ja nicht so. Der CSD wird dazu benutzt, einmal sämtliche Hemmungen fallen zu lassen - sozusagen eine Massenpsychotherapie. Aber die wenigsten würden sich tatsächlich ständig so verkleiden wollen. Also bitte Jungs - wenn ihr zu einer Demonstration geht - dann bitte normal, wie Montags - Freitags auch. Oder muß man wirklich, um Spaß zu haben, Fummel anziehen und alle Hüllen fallen lassen.

Zwei Anmerkungen möchte auch ich allerdings noch machen - es ist ja längst nicht so, daß alle CSD Besucher kostümiert herumliefen - leider wird dies von den Massenmedien kaum beachtet oder gar erwähnt. So gilt meine Kritik ebenso dem (hier nicht abgedruckten einseitigen) Artikel der "Welt" - der natürlich nur mit solchen Klischeevögeln illustriert war - das ist natürlich auch eine Form von Meinungsmache. Zum anderen: so unerotisch kurze Hosen mit unrasierten Beinen vielleicht sein mögen - die Träger sind damit schon genug gestraft, jedoch haben auch diese das Recht, ihre Meinung in der Öffentlichkeit zu vertreten - oder ist der CSD nur noch eine Veranstaltung der Schönen und Reichen ???

FeB

Contra

Der CSD zeigt Vielfalt

Vor über 30 Jahren wehrten sich am 27. Juni 1969 in der New Yorker Szenekneipe "Stonewall Inn" (Christopher Street 53), Homosexuelle erstmals gegen die Willkür der Polizei. Dies hatte Signalwirkung zunächst in den USA, wo sich in kürzester Zeit lesbisch-schwule Initiativen zusammenfanden, um für ihre Rechte zu streiten. Zwei Jahre später transportierte der von Praunheim-Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt" die Initiative über den "Großen Teich" nach Deutschland. Im Gedenken an Stonewall gehen inzwischen jedes Jahr Millionen überall auf der Welt auf die Straße und demonstrieren damit gegen die Diskriminierung von Lesben und Schwulen in unserer Gesellschaft. Denn ob eine rechtliche Gleichstellung der Homosexuellen wirklich schon erreicht ist, darf wohl eher bezweifelt werden. Zwar scheinen einige Vertreter der organisierten Schwulenbewegung den Toleranzbegriff übermäßig zu strapazieren. Schließlich kann man von niemandem verlangen, daß er es toll finden muß, wenn Männer sich küssen oder miteinander Sex haben.

Toleranz kommt vom lateinischen Wirt tolerare, was nichts anders bedeutet als ertragen. Aber eben dieses Ertragen einer anderen Form der Sexualität scheint für manche Menschen nicht so einfach zu sein. Warum sollte man zwei Männern oder zwei Frauen, die sich füreinander entschieden haben, nicht die gleichen Rechte und Pflichten zugestehen wie Verheirateten? Der Staat könnte sogar Ausgaben für die Sozialhilfe einsparen, denn auch gleichgeschlechtliche Lebenspartner wären einander zu Unterhalt verpflichtet.

Die Kritik aus katholisch-konservativen Kreisen am Gesetzentwurf zur Homo-Ehe zeigt, daß es immer noch Probleme bei der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen zu geben scheint. Kirchenvertreter wie der Fuldaer Erzbischof Dyba kommentierte das rot- grüne Gleichstellungsgesetz: "Die Verabschiedung dieses Gesetzes wäre eine Verabschiedung von der Schöpfungsordnung, eine Aushöhlung des Grundgesetzes und ein weiterer fataler Schritt in die Degeneration" (Der Spiegel Nr. 28, S. 77, vom 10.07.2000).

Im alltäglichen Leben sind Vorurteile gegen die Anderen eben längst nicht so schnell abgelegt, wie das Kostüm vom CSD-Wochenende. Aber gerade am toleranten Umgang mit Minderheiten, egal ob aus ethnischen, religiösen oder sexuellen Gründen, erweist sich die Toleranz und Reife einer Gesellschaft. Daher bleibt der CSD nach wie vor eine wichtige Manifestation der Interessen von Schwulen und Lesben. Wenn Homos wie Heteros dabei gleichermaßen Spaß haben und der Fremdenverkehr auch noch davon profitiert, ist der CSD doch eine feine Sache.

Alex

Macht's zu Hause, Jungs?!