Den Schwulen zieht es im allgemeinen in die Großstädte. Dort ist das Leben, dort sind die Parties, die Cruising Areas, dort ist die Szene. Aber auf dem Land, in einem kleinen Nest mit 1000 oder gar noch weniger Einwohnern? Möglichst noch weit entfernt der Zivilisation? Im tiefsten Erzgebirge? Im erzkatholischen Bayern? Der norddeutschen Pampa? Schwules Leben scheint hier fast unmöglich. Gerade die Dörfer fernab der Großstädte haben eine gewisse Eigendynamik. Oft herrschen hier festgefertigte Sozialstrukturen vor. Es wird differenziert in "Alteingesessene" und "Neue". Gehört man zu letzterer Kategorie, sollte man sich arg überlegen, ob man seine Neigungen auch der Dorfgemeinschaft kundtun sollte, denn man wird von der Urbevölkerung schon fast gestapohaft überwacht. In deren Hauptquartieren "Tante-Emma-Laden" und "Dorfkneipe" läuft alles, und sogar Sachen, die man selber von sich gar nicht wußte, zusammen. Wer also nicht möchte, daß irgendwann der Ältestenrat mit Mistforken eine Mahnwache vor dem Haus abhält, sorgt dafür, daß es gar nicht so weit kommen muß: fährt weg oder zieht um. Gehört man allerdings zu ersterer Gruppe, ist man auch nicht besser dran. Schließlich "darf" die Dorfgemeinschaft ja nicht "dulden", daß einer von ihnen aus der Reihe fällt. Sie wird durch Wechseln der Bürgersteigseite sowie verstärkten Einsatz des Druckmittels "Dorftratsch" versuchen psychologischen Druck auf ihr "Sorgenkind" auszuüben.

Herrlich hingegen die Stadt, je größer, desto besser, je mehr Locations, desto schöner ist hier das Motto. Berlin als innerdeutsches Mekka sozusagen. Was kann es sonst sein, wenn nicht Größe und Locations? Da haben andere Städte doch ebensoviel zu bieten, kulturell gesehen. Aber in Berlin dauert es länger, bis man alle kennt, jeden schon einmal irgendwo gesehen hat. Ständig kommen neue, ständig geht wer, diese Bahnhofsatmosphäre zieht viele magisch an. In der Großstadt tobt das Leben. Es gibt kein Verweilen, keine Ruhe, morgen ist ja da die nächste Party, und übermorgen dort schon wieder eine... Für den einen mag dies der Traum sein, den andren zieht es dann aber doch lieber durch Wald und Wiesen. Dieser ist, wenn ihm das Gerede des Dorfes egal ist und er in der Dorfgemeinschaft keine Verwandten hat, die sich vor den Repressalien der Nachbarn fürchten, dort ebenso gut aufgehoben wie in Aachen oder Zwickau - oder gar im Mekka, denn Städte können vieles nachbilden, nur ein perfektes Abbild der Natur, das bekommen sie nicht hin.

(FeB)

Wohnen, Leben, Bauen, ... - Das Dorfleben