Das ganze Leben ist ein Quiz

Wer von uns erinnert sich nicht an Hänschen Rosenthals Kultsendung "Dalli-Dalli!" und seinen Spruch: "Das war ... Spitze!"? Nun hatte das ZDF diesen 70er Jahre Quizquotenschlager wieder lau aufgebrüht und ihn von 1,5 Stunden auf eine halbe Stunde Sendezeit gekürzt. Bedenkt man dies, so könnte man annehmen, daß Schnellsprecher und -grapscher, Dieter-Thomas Heck - zusätzlich zu seinen sich lediglich vom Namen her unterscheidenden, vierundfünfzig anderen Shows - diese Sendung auch noch übernommen hat. Doch weit gefehlt! Man verpflichtete den großwüchsigen Nachwuchsmoderator Andreas Türck, der erstklassigen Geschmack bewies, als er für die Aufzeichnung der Folge 348 seiner Show meine inzwischen erprobte Duettpartnerin Cindy Berger und mich verpflichtete, damit wir als Team "Schlager" Fernsehgeschichte schreiben konnten.

Begeistert sagte ich zu, denn wer von uns hat nicht schon als Kind davon geträumt, Cindy mal in "Dalli-Dalli!" den Bert zu machen? Verlieren kam für mich gar nicht in Frage, deshalb lud ich mir täglich Freunde ein, drückte ihnen eine Stoppuhr in die Hand und hieß sie mit der Anfeuerung "Dalli-Dalli!" die Zeit nehmen, während ich innerhalb einer Minute versuchte, auf einem Teelöffel soviel Wassermelonen wie möglich von der Küche aus, um den Wohnzimmertisch laufend, in Richtung Badewanne zu balancieren.

Bestens vorbereitet flog ich also im Fernsehstudio München-Unterföhring ein, wo im Nebenstudio gerade Deutschlands Dirndl Nr. 1, Carolin Reiber, ihre volksdümmliche Hitparade lancierte. Ein wenig verwundert war ich allerdings bei meiner Ankunft über die tiefen Augenringe von Cindy und ihrem Freund Carlo (ja, es gibt noch ein Leben ohne Bert!), doch dachte ich mir nichts weiter dabei, da die Maskenbildnerin bereits auf mich wartete, für die es bei mir mal wieder hieß, aus einem Streuselkuchen einen kamerawirksamen Babypopo zu machen. Mein selbstentworfenes Outfit, eine Lederweste mit LEGO-Zahnrädern beklebt und ein aus Omis abgelegten Stützstrümpfen geschneidertes Nylon-T-Shirt, sorgte bei den Backstreet-Boys-Fans im Publikum für lautstarke Er-, und beim Sendeleiter für Aufregung: Just in dem Augenblick, als ich mit meiner Cindy unter dem orkanartigen Jubel der Zuschauer die Showtreppe herunterschwebte, blieb ich mit meinem T-Shirt am Maschendraht der Pappkulisse hängen. Dies hatte zur Folge, daß sich meine Eigenkreation binnen drei Sekunden auf eine einzige Laufmasche reduzierte. Mit einem verzweifelten Scheinwerfergrinsen landete ich mit der lediglich noch vorhandenen LEGO-Weste auf nacktem Oberkörper vor den laufenden Kameras. Der Nylonfaden meines ehemaligen T-Shirts wurde nach der Sendung unter den kreischenden Fans versteigert...

Wie ich da so halb entblößt vor dem Publikum stand, spürte ich eine erotisch-magnetische Anziehung zwischen mir und den Zuschauern, die mir zu verstehen gab: Der Sieg wird unser werden! Und tatsächlich: Das Team "Schlager" bekam nach jeder noch so dämlichen Antwort vom trampelnden und jubelnden Publikum noch einen extra "Das war ... Spitze!"-Punkt dazu. Die Fotographen fielen nach der Sendung wie blitzende Aasgeier über uns her und sorgten schon im Vorfeld dafür, daß die "Dalli-Dalli!"-Folge mit mir und meiner geliehenen Cindy die höchste Einschaltquote seit der Live-Schaltung unter Bill Clintons Schreibtisch hatte. Nach der Aufzeichnung fuhren Cindy, Carlo und ich erschöpft in das für uns gebuchte Hotel "Himmelsruh". Beim Abendessen fiel Carlo kurz nach dem Verzehr der Suppe der Kopf vorüber und er schnarchte steinerweichend in seinen Teller hinein. Gähnend und gleichzeitig ein entschuldigendes Lächeln versuchend merkte Cindy an, daß sie bereits die vergangene Nacht in diesem Hotel genächtigt hätten - und rutschte wie in Trance unter den rustikalen Tisch aus Hirschgeweihen. Dort blieb sie halbtot, aber noch regelmäßig atmend, liegen. Noch immer etwas überrascht über das soeben Geschehene half ich der Bedienung, die beiden draußen auf der Tischtennisplatte zur Ruhe zu betten.

Endlich in meinem Zimmer band ich mir meinen Augenschutz für die Nacht um und trat selbst den Gang in Richtung Schlaf an. Kaum eingenickt, wurde ich durch lautes Stimmengewirr aus meinen Träumen gerissen. Nach vergeblichen Wiedereinschlafversuchen faßte ich mir ein Herz und gleich darauf die Türklinke, um im Flur einem erhitzten Haufen von pubertierenden Dirndln gegenüberzustehen. Gönnerhaft zückte ich meinen Autogrammstift aus dem Nachthemd, um die Gören wenigstens damit zu befriedigen. Doch machten mich diese ungehörigen Bauerntrampel ziemlich plump darauf aufmerksam, daß im Nebenzimmer das eigentliche Objekt ihrer jungfräulichen Begierden, Moderator Andreas Türck, schlafen würde.

Herr Plögert bei Dalli Dalli
"Mache Cindy innerhalb von einer Minute den Bert... - DALLI - DALLI!"

Mit dem mir eigenen, neidlosen Schwung schlug ich wütend die Tür hinter mir zu und plumpste zurück ins Bett. Ein lautes Splittern, gemischt mit halberstickten Rufen vor meinem Fenster, beförderte mich in die harte Realität des "Himmelsruh" zurück. Kraftlos schlurfte ich zum Fenster, zog mich am Ofenrohr hoch ... und bekam eine von unten geworfene Bierdose an den Kopf geschmissen! Unten stand ein Kegelclub aus Böblingen und begehrte auf diese so zärtliche Weise Einlaß, wobei deren Mitglieder aufgrund meines tiefen Schlafes von anfänglich an mein Fenster geworfenen, kleinen Kieselsteinchen, am Ende verzweifelt auf 0,5 l Bierdosen zurückgreifen mußten, um sich bemerkbar zu machen. Also tastete ich mich das stockdunkle Treppenhaus entlang, wobei ich mir beide Knie blutig schlug, als ich über Cindy und Carlo stolperte, die man inzwischen dort abgelegt hatte. Nachdem ich den schwäbischen Kegelschwestern Eintritt gewährte und verarztet wieder im Bett lag, träumte ich süß von mir als barmherzigen Samariter, wobei ich die Rechnung bzw. den Schlaf ohne meine bayerisch-katholischen Landsleute machte. Um Punkt fünf Uhr früh platzten mir beide Trommelfelle, als mich gleichzeitig ein lautes Dröhnen zehn Zentimeter über dem Bett schweben ließ. Danach: Ruhe! Kaum war ich unter meinem Kissen wieder eingeschlafen: Ein doppeltes Dröhnen, das sogar meine Blase erzittern und anschließend feucht erschaudern ließ. Vor Erschöpfung weinend schob ich meine Augenbinde nach oben, lauschte in die darauffolgende Stille und schlief mit einem herzzerreißenden Seufzer wieder ein, Kaum eine Viertelstunde später detonierte mich ein dreifaches Dröhnen geradezu in Fetzen, wobei ich mir - da inzwischen unter dem Bett liegend - vor Schreck die Stirn an den herausstehenden Sprungfedern des Bettgestells blutig riß. Von draußen vernahm ich ein mehrstimmiges "Grüß Gott!", gemischt mit Geräuschen wie auf einem Rummelplatz, doch dann brach das jüngste Gerücht an, denn das Dröhnen kannte keinen Halt mehr. Mit letzter Kraft robbte ich zum Fenster, stützte mich rechts und links an den Gardinenhaken ab und sah eine Schar von rabenschwarz gekleideten Gottesanbetern die Stufen zur Dorfkirche erklimmen, deren Glockenturm die direkte Nachbarschaft zu meinem Zimmer bildete. "Schaut, dort droben!" rief eine dickliche Frau mit Kopftuch und zeigte mit dem Finger auf mich. "Jesus, Maria und Josef!" rief eine andere und bekreuzigte sich bei meinem Anblick. Als ich ihr und den anderen verschlafen zunickte, fielen einige wie Dominosteine um, während andere in die Knie gingen und beteten. In diesem Moment fiel mein Blick in den Ankleidespiegel neben mir - und sofort sträubt sich mein Nackenhaar: Über mein graues, völlig aufgequollenes Gesicht liefen von der Stirn aus kleine Blutgerinnsel und tropften auf mein weißes Nachthemd. Zudem thronte auf meinem Haupt der nach oben geschobene Augenschutz wie eine Dornenkrone. Unter blitzten inzwischen Kameras auf und die ersten Fernsehteams fuhren mit ihren Live-Korrespondenten vor. Bedrohlich rottete sich das Volk vor der Tür zusammen und begehrte lautstark Einlaß in die "Himmelsruh". Spontan begriff ich, daß ich wohl heute keinen Schlaf mehr bekommen würde, packte meinen Koffer und floh durch den Babywickelraum nach draußen, wobei mir die inzwischen mit ihrem Carlo abgelegte Cindy sehr zupaß kam: Mit einem zielsicheren Tritt stieß ich sie flugs auf ihren Carlo, um so daß Ausstiegsfenster besser erreichen zu können. Wie ich letztens im "Katholikenblatt" las, hat sich das Hotel inzwischen zu einem äußerst beliebten Wallfahrtsort entwickelt!

Auch wenn mich die Mitreisenden ein wenig schief anschauten, als ich im Nachthemd auf dem Münchener Franz-Josef-Strauß-Flughafen eincheckte, so habe ich mich doch seinem Namensgeber noch nie so nahe gefühlt wie in dem Moment, als ich schwerelos-träumend über den Wolken schwebte und Andreas Türck im Dirndl von Carolin Reiber breit grinsend über mich gebeugt sah, wie er mich sanft lockend fragte: "Donato, was könnte Dir nachts in einem Hotel alles den Schlaf rauben? Du hast zehn Sekunden Zeit! Dalli-Dalli!" Die drei Stewardessen, die mich in Berlin aus dem Flugzeug hievten, erzählten mir später bei ihrem Besuch in der Nervenheilanstalt, ich hätte während des gesamten Fluges hysterisch um mich schlagen "Das war doch ... Spitze! Oder nicht? Spitze war's!" gebrüllt... Aber ich habe schon ein neues Fernsehangebot angenommen: Gleich in der Woche nach meiner Entlassung hier soll ich mit Cindy bei der neuen Show: "Wer schläft gewinnt" mitmachen - mich reizt ganz einfach der Titel!

Donato Plögert

Donato Plögert's Show-Sta(r)ccato