Leipzig war in Partylaune

Der Tag der Deutschen Einheit wurde zum SchwuLesbischen Feiertag des Jahres - zumindest für Leipzig und für die Besucher der Messestadt. Nach dem ersten Achtungserfolg der Veranstaltung von 1997 hat sich auch in diesem Jahr wieder die Szene (bis auf Ausnahmen, die von den Besuchern profitieren wollten, ohne sich finanziell oder organisatorisch zu beteiligen) zusammengeschlossen, um gemeinsam den Rang Leipzigs als heimliche SchwuLesbische Hauptstadt Sachsens zu bekräftigen. Dabei sollte das Programm für diese Tage noch größer, bunter und vielfältiger werden als im vergangenen Jahr. Die Erwartungen waren also hochgesteckt und wurden nicht enttäuscht. Zwar gab es hier und da kleinere organisatorische Schwierigkeiten, aber insgesamt muß man sagen: Wer an diesem Wochenende nicht in Leipzig war, der hat sich leider ein SchwuLesbisches Ereignis mit vielen Höhepunkten entgehen lassen. Vielleicht klappt's ja im nächsten Jahr. Gegenpol war für Euch vor Ort, durch die Szene surften Erik und Myrko. Hier unser Erlebnisbericht für alle, die bedauerlicherweise nicht dabei sein konnten:

Der Freitag

Chanson, Comics und Lederbärchen

Für viele war es am 02.10. eine nervenaufreibende Entscheidung in ihrer Wochenendgestaltung: Kontaktparty in Dresden oder Auftaktabend der Herbst-Gay-Lüste in Leipzig ? Martin Heim

Aus einem tiefen Bedürfnis nach Abwechslung heraus begaben wir uns kurzerhand auf Asphalt, um uns wenig später in der Leipziger Moritzbastei wiederzufinden. Gezeichnet von mangelhaft sympathischen Einlaß-Gorillas der Dresdner Partys, überraschten uns in Leipzig sofort die netten aufgeschlossenen Menschen an Kasse und Garderobe. Überhaupt hatten die Veranstalter sich mit der Moritzbastei für eine geeignete Lokalität entschieden, die aufgrund ihrer Raumaufteilung ein vielfältiges Programm ermöglichte. Oder wenigstens versprach.

Bereits im Vorfeld hatte Ralf König zur Signierstunde seines neuesten Werkes "Jago" geladen. Der Leipziger Lederclub wartete in einer musikalisch untermalten Netz- und Kettenbar inklusive Darkroom auf Eingeweihte und Neugierige. Leider nahm dieses Angebot außer den Lederbärchen kaum einer wahr, wofür diese umsomehr das allgemeine Publikumsbild ausmachten. Zugegeben, zeitweise verängstigte mich der Anblick von derart viel Militär-Textil und Rinderhaut, zumal anderweitig nur zögerlich Stimmung aufkommen wollte. Martin Heim So wurde der Abend zunehmend eher zur gemütlichen Kneipenrunde, denn zum überwältigenden Party-Event.

Das Glanzlicht des Abends jedoch, der Chansonabend mit Martin Heim, erfüllte die Erwartungen der Anwesenden zur Genüge. Manch einer hätte dem kleinen lieben Pummelchen kaum die hinreißende Show zugetraut, die für zwei schöne Stunden ihren Lauf nahm. Da war er nun, der nicht-gebührtige Hannoveraner - wer kennt schon Hildesheim - und begann, sich unaufhaltsam zu verwandeln. Liebenswürdig, mitleidig, sexbesessen, tragisch, schreiend komisch – er war alles. Von der werdenden Mutter über die exzentrische Diva und wieder zurück. Er gewann sein Publikum derartig, daß nach der Pause die vorderen Reihen um einige Stühle erweitert werden mußten. Dort durfte man hautnah teilhaben, am Martin Heim totalen Körper- und Materialeinsatz, mit dem Martin Heim das Programm zum Ende führte. Mit dem Aufruf "Schwule, vermehrt euch !" kam jenes dann scheinbar viel zu früh.

Da standen wir, Sekt auf der Kleidung, Gebäckreste im Haar, und wußten nicht, wohin mit Herz- und Bauchschmerz. Eine leichte Totpunkt-Atmosphäre drängte sich auf, und konnte auch von der anschließend eröffneten Tanzrunde nicht völlig besiegt werden. Dazu fehlte einfach die bunte Mischung der Anwesenden, und nicht zuletzt wirkungsvolle Musik. So verbrachten die meisten den Rest der Nacht plaudernd an den zahlreichen Tischen oder den beiden Bars. Bis am frühen Morgen der dringende Wunsch nach Feierabend von Seiten der Mitarbeiter auch die letzten zum Gehen veranlaßte.

Der Samstag

Auf Kneipentour

Der Tag der Deutschen Einheit selbst stand ganz im Zeichen der Kneipentour durch die schwulen und homo-freundlichen Lokale Leipzigs. Dabei haben auch wir es nicht geschafft, alle Kneipen zu besuchen - und sei es nur ganz kurz, um sämtliche Getränkegutscheine auf dem Gay-Lüste-Ticket abzuarbeiten. Aber dieses Vorhaben wurde schon durch den Shuttle-Bus verhindert, der eigentlich alle Locations stündlich miteinander verbinden sollte. Der Bus hatte nämlich permanent Verspätung und mein Vorhaben, im Stundentakt immer die nächste Kneipe heimzusuchen, war dahin. Aber was soll, da blieb man eben länger in der anderen, gemütlich war's ja auch dort.

Los ging es am späten Nachmittag mit einem Kaffee im Vis a Vis, Leipzigs ältester "Institution". Dann lud das Black Horse zu einer Grillparty mit Live-Musik ein, wo ich mich erst einmal für den Abend stärken konnte, denn der sollte schließlich noch lang werden. Einen exotischen Cocktail bekam ich später im Klein Paris serviert. Weiter ging's dann in die Blaue Trude zum Clubdance und ins Nachtcafé, wo Radio Energy eine große Party feierte. Zu später Stunde wurde es hier richtig voll, Kitt Baker auch wenn sich nur wenige Schwule hierher "verirrten". Die fand ich dafür alle in der Rosa Linde zur traditionellen Samstags-Disco "Rosa Libre" mit DJ Berthold. Stargast des Abends war zweifellos Matthias Freihof (der Lehrer aus dem Film "Coming Out"), der sein Publikum mit live gesungenen Chansons begeisterte. Zu später Stunde heizte dann Kitt Baker mit Live-Gesang und einer erotischen Strip-Show die Massen im hoffnungslos überfüllten Linde-Saal an. Zeitweise herrschte dann auch Platznot auf der Tanzfläche und ich hatte Mühe mich überhaupt zur Musik zu bewegen...

Der Sonntag

Stargayte-Dance-Night im JAM

Der absolute Party-Höhepunkt dieses Wochenendes war gleichzeitig die Abschlußveranstaltung der Gay-Lüste und der Auftakt des zukünftig regelmäßigen Party-Events in Sachsen: die Stargayte-Dance-Night in der Discothek JAM - präsentiert von Sachsens größter Gay-Sauna. Jam Disko

Mit rund 1000 weiteren Gästen wurde ich am Sonntagabend vom Veranstalter mit Champagner zur großen Flirt-Party begrüßt. Mit einem Herzchen mit Nummer auf der Brust konnten wir uns dann ins Getümmel stürzen. Und - was bei Kamel sucht Schlüpfer im konservativen Dresden eher selten vorkam - die Kontaktbörse per Brief und Monitor wurde ausgiebig genutzt.

Doch nicht nur am Stand, der die Flirtenden zusammenbrachte, brannte die Luft, sondern natürlich auch auf der Tanzfläche. Einige der Tänzer konnten dabei sogar ihre exhibitionistichen Neigungen ausleben, was die Veranstalter mit kühlem Champagner belohnten. Unter die Gäste mischte sich übrigens auch das Martini-Promotion-Team mit einem anziehenden jungen Mann, der einem gewissen Schauspieler nicht unähnlich sah, aber wegen der ausziehenden Blicke von Männern etwas verunsichert wirkte.

Unterbrochen wurde die Party lediglich kurz durch eine Verlosungsaktion, bei der u.a. eine Reise Jam Disko nach London zu gewinnen war, und die Abschlußrede der Rosa Linde, die sich (leider) mal wieder selbst zu loben wußte. Es ist nur schade, wenn man dabei die anderen Organisatoren und Sponsoren vergißt, ohne die ein derartiges Großereignis nicht möglich gewesen wäre, schließlich will man auch im nächsten Jahr wieder zusammenarbeiten, oder? Die Partystimmung ließen sich die Gäste dadurch allerdings nicht verderben.

Nach dem Erfolg dieser Auftaktveranstaltung darf man sich sicherlich schon auf die Fortsetzungen freuen, die ab dem 25. Oktober regelmäßig alle zwei Wochen stattfinden werden. Die Szene in Leipzig hat mit der Stargayte-Dance-Night im JAM auf jeden Fall eine attraktive schwule Party mit echten Highlights dazugewonnen.

GayLüste im Herbst