Aufklärung und Unterhaltung

Velvet Goldmine

Was hat Oscar Wilde mit Glam Rock zu tun - jener kurzlebigen Kultur, deren Ikonen David Bowie und Iggy Pop noch heute ein Begriff sind? Todd Haynes' Rock-Musical "Velvet Goldmine" beginnt mit der Geburt des großen Dichters und Dandys im Jahr 1854, und wir glauben zunächst, im falschen Film zu sein. Doch nach zwei Stunden wird der Bezug deutlich: Den Protagonisten des Glam Rock ging es, wie Oscar Wilde, um totale Künstlichkeit, Schönheit um der Schönheit willen, frei von moralischen Kriterien. Alles war Pose, auch die Sexualität. Kein Wunder, das Glam Rock bei Schwulen gut ankam und von Puritanern besonders heftig angegriffen wurde, Die Glam-Stars waren nicht offen schwul, doch richtig hetero wirkten sie auch nicht, und das war 1972/73, als diese Kultur blühte, schon ein wichtiger Fortschritt.

"Velvet Goldmine" erzählt in Rückblenden die Geschichte des Glam-Stars Brian Slade (Jonathan Rhys Meyers), der seine eigene Ermordung auf der Bühne inszeniert hat, ganz wie David Bowie alias Ziggy Stardust im Jahr 1973. Der Musikjournalist Arthur (Christian Bale) macht sich 1984 auf die Suche nach Slade und interviewt dessen wichtigste Weggefährten. Die Ex-Ehefrau Mandy (Toni Collette) erklärt ihm, daß sie nicht die wichtigste Person in Slades Leben gewesen sei, sondern der US-Rockstar Curt Wild (Ewan McGregor). Arthur findet ihn - und sich selbst. Curt Wild entjungfert den unerfahrenen Fan und bringt ihn auf den Geschmack.

Haynes ist ein Geniestreich gelungen, ein üppiges, buntes Zeitportrait. Er bietet Aufklärung und Unterhaltung zugleich und setzt ein Signal gegen den zunehmenden Konformismus, der sich auch in der Schwulenszene breitgemacht hat. Die Glam-Stars waren noch verspielt und frei von Dogmatismus. David Bowie, nach dessen Song "Velvet Goldmine" der Film benannt wurde, scheint sich seiner bisexuellen Vergangenheit zu schämen und verweigerte Todd Haynes die Zusammenarbeit, aber die Parallelen zu ihm bleiben auch so deutlich, während Curt Wild sichtlich an Iggy Pop orientiert ist. Allerdings sehen die Kopien besser aus als die Originale. Jonathan Rhys Meyers ist ein faszinierender eiskalter Engel, der über Leichen geht, solange es sein Aussehen erlaubt, und "Trainspotting"-Star Ewan McGregor zeigt als Curt Wild endlich wieder den tollen Körpereinsatz, für den ihn seine Fans so lieben.

Frank Noack

Velvet Goldmine
R.: Todd Haynes
GB
123 Min.
Bundesstart 26. November.