CATWALK

Sieben uniforme Gestalten in Papieranzügen stehen regungslos im Halbdunkel der Bühne. Junge TänzerInnen umschwirren sie und hauchen Leben ein. Zuerst reißt sich ein kerniger Kommandant die Verpackung vom Leibe und marschiert in schwarzen Lack gehüllt stolz über den Laufsteg. Als nächstes symbolisieren die Tänzer die rauschenden Wellen des Meeres. Ein muskulöser Matrose entspringt ihnen und läßt sich von den Wogen des begeisterten Publikums bis in die Brandung der Bühne tragen. Sein knappes, gestreiftes Oberteil, das lediglich Arme und Schultern bedeckt, sowie die weiße Plastikhose, deren Rückseite so einige Einsichten gewährt, treibt so manches Segel auf Hochmast...

Dann ertönen Totenglocken. Alle Papieranzüge sind nun gefallen. Der letzte Gang gehört dem, der sonst selbst Vollstrecker ist. Mit einer schwarzen Gesichtsmaske aus Lack, die nahtlos ins bauchfreie Oberteil übergreift, und einem dunklen Synthetikrock bekleidet, schreitet der Henker durch die kreischende Menge. Hm, lecker! Und auch ich flehe insgeheim: "Laß mich heut nacht Dein Opfer sein".

Szenen und Attraktionen von Catwalk '98, Dresdens erstem Modespektakel, das am 17. Oktober Catwalk-Szene im Atrium des Ammonhofes veranstaltet wurde. Gut tausend Gäste bewunderten die neuesten Kreationen von insgesamt neun Designern, Friseuren, Modisten und Visagisten. "Wir wollen jungen Kreativkräften die Möglichkeit bieten, ihre Sachen einem breiteren Publikum vorzustellen", erklärt mir Roland Brendler, Visagist und Initiator des Catwalk. Der Designer Daniel Fink ist darin schon ein wenig routiniert. Seit über zwei Jahren bereichert er die Dresdner Partyszene mit seinen Modeschöpfungen, einer spannenden Kombination aus ungewöhnlichen Materialien und erotischer Extravaganz. Alle Stücke sind maßgeschneiderte Unikate, denn "es ist langweilig, sich zu wiederholen. Außerdem möchte ich nicht einfallslos erscheinen." Diese resolute Mentalität hat Daniel vom hohen Norden. Er ist gebürtiger Rüganer. Für den Catwalk tüftelte Daniel an einem besonderen Konzept: "Ich habe mir typische Männerdomänen ausgesucht, für die es kein weibliches Pendant gibt, also Kostüme für einen Soldaten, Henker oder Gentleman kreiert." Die er seinen Models hautnah auf den Körper schneiderte. Und wer von Euch jene knackigen Knaben erlebt hat, wird Daniels Begeisterung am Designern und Nähen nachvollziehen können.

Den Enthusiasmus teilt er übrigens mit Miriam Kusserow, Chefin des Broadway Dance Centers Dresden, auch wenn sich deren Leidenschaft voll und ganz auf Gesang und Tanz bezieht. "Sämtliche Choreographien zum Catwalk stammen von mir", schmunzelt Miriam in ihrem hinreißenden, südfranzösischen Akzent. Doch nicht nur hinter der Bühne überzeugte die temperamentvolle, ja fast hyperaktive Künstlerin an diesem Abend: Miriam interpretierte live Songs von Edith Piaf und Mariah Carey und avancierte so zur heimlichen Königin der Modenacht. Übrigens freue sie sich bereits auf den Catwalk '99. Im Vorbeihuschen ruft sie mir noch zu "Isch 'abe so viele fandasdische Ideen!" und schwubs - ist sie in der Menge verschwunden.

Sirko Salka

Catwalk-Modells

CATWALK '98